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Hundertjährige

Solch schöne Welt– und ich noch dabei!
Hundertjährige an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend

Reportage mit Porträts und Texten für die FAZ, die Lübecker Zeitung, den Rheinischen Merkur, das Hamburger Abendblatt und für den Weserkurier 1999

Marianne Arras
”Daß ich noch alle Tassen im Schrank habe, dafür bin ich wirklich dankbar“. Die Frau, die so spricht, hat ein Gesicht wie eine Landschaft. Ein Netz feiner Linien um ihre Augen verrät, daß sie oft gelächelt und gern gelacht hat. Viel reden tut sie nicht. Dafür erzählt ihr Gesicht umso mehr. Man beginnt, in diesen Zügen zu lesen. Der Mensch erscheint als Mosaik. Als Kaleidoskop von Kräften, Hoffnungen, Erfahrungen. Marianne Arras hat Kerben davon getragen.
Marainne Arras ist 102 Jahre alt.
Sie wird in Zwickau geboren. An der Schwelle zu einem Jahrhundert, in dem sich Erfindungen und Ereignisse überschlagen. Neu gewonnene Mobilität läßt Entfernungen schrumpfen, frisch genutzte Elektrizität verlängert den Tagesrythmus. Erster Weltkrieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise bringen Risse in das Weltbild der Autoritätsgläubigen. Hitlerregime und Zweiter Weltkrieg führen später ins Chaos und zum Bruch mit jeder tradierten Norm… Nun sitzt Frau Arras in einem hellen Zimmer in Hamburg vor dem Fernseher und ist immer noch neugierig auf das Draußen. Zeit ihres Lebens arbeitete sie in der Gastronomie, und noch heute geht etwas wie Fürsorglichkeit und Dienstbarsein von ihr aus. Und immer noch interessiert sie sich für Politik und für Politiker. ”Für das , was die alles falsh machen“ sagt sie mit leiser Ironie. Aber sie sei keine Belehr–Tante, fügt sie hinzu. Wenn sie auch schwer hört, spricht Marianne Arras doch mit junger Stimme. Und sieht in Gedanken Gedanken nah.
Der Jahrtausendwende sieht die Realistin gelassen entgegen ”Hoffentlich gebrauchen die Leute dann noch ihre Beine bei all den fahrbaren Untersätzen” sagt sie in ihrer unprätentiösen Art.
”So wie das Leben ist, so wird‘s halt gelebt“.


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